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Im Interview mit Maria Kuhl vom Karrierenetzwerk Management im Gesundheitswesen


Wir begrüßen Frau Maria Kuhl als Expertin zum Thema Genderforschung und Führungskräfte- Entwicklung.

Frau Kuhl, welche Chancen bieten sich für Frauen in der Gesundheitsbranche?
Historisch gesehen bot das Gesundheitswesen Frauen schon immer gute berufliche Perspektiven. Gerade in den sozialen und pflegerischen Berufen sind überwiegend Frauen beschäftigt. Leider sind dies jedoch auch Berufsfelder mit einem eher geringen Gehaltsniveau. Im Zuge des demographischen Wandels wird sich der Bedarf an ausgebildeten Fachkräften in den traditionellen Berufsfeldern des Gesundheitswesens erhöhen. Damit wird vor allem auf die steigende Anzahl älter werdender und pflegebedürftiger Menschen Bezug genommen. Ebenso lässt das ansteigende Interesse der Bevölkerung am Thema Gesundheit vermuten, dass nicht nur die traditionellen Berufsfelder in der Gesundheitswirtschaft3 langfristig expandieren werden, sondern auch jene, die sich mit dem Thema ‚Gesundheit, Prävention, Wellness und Fitness’ beschäftigen. Derzeit sind bundesweit knapp vier Millionen Menschen in Gesundheitsberufen tätig, in Nordrhein-Westfalen, der größten Gesundheitsregion Deutschlands, sind es mehr als eine Million. Und allein in NRW, so schätzen Experten, könnte die Zahl dieser Arbeitsplätze in den nächsten zehn Jahren um bis zu 200.000 steigen. Der prosperierende Gesundheitsbereich bietet vor allem Quer- und WiedereinsteigerInnen große Chancen. Für Frauen liegt die große Chance also zum einen in der historischen Verankerung von Frauen in diesen Berufen und zum anderen im Wandel und ihrer Flexibilität. Fest steht, dass sich das Gesundheitswesen weiterhin verändern wird. Man denke einmal an den Ausbau privater Leistungen in der Gesundheitsvorsorge oder den Einzug technisierter Verfahren (Stichwort elektronische Patientenkarte). Im Zuge dieser Veränderungen entstehen jedoch auch neue Berufe, für die Grundkenntnisse im Gesundheitswesen erfordern, zusätzlich jedoch Fähigkeiten wie Organisationstalent, Belastbarkeit, Flexibilität und Kreativität verlangt werden. Fähigkeiten, die Frauen als Familienmangerinnen schon lange unter Beweis stellen.

Welche neuen attraktiven Berufsbilder sind zu den klassischen Berufen hinzugekommen?
Zur Zeit zeichnet sich der Trend ab, dass sich verschiedene Anbieter zu Gemeinschaften zusammenschließen. Gesundheits-, Präventions- oder Seniorenzentren entstehen. Durch diese Zusammenschlüsse entstehen Spezialisierungen. Es werden MitarbeiterInnen benötigt, die die Abläufe in diesen Gemeinschaften koordinieren, Spezialaufgaben übernehmen und die Brücke zu Außenstehenden schlagen; Stichwort Praxismanagerin oder Praxiskoordinatorin. Dies ist ein Trend, der bereits begonnen hat. Andere Berufsbilder lassen sich lediglich umschreiben.
Sobald Gesundheit immer stärker in die Verantwortung der Menschen gegeben wird, was letztendlich bedeutet, dass die privaten Zahlungen zunehmen werden, wird auch das Thema Qualität und Marketing für das Gesundheitswesen an Bedeutung gewinnen. Hier werden Fachleute benötigt, die beratend und organisierend tätig sind. Der verstärkte Einzug von technischen Artefakten wie der Gesundheitskarte zeigen zum einen Weiterbildungsbedarf, zum anderen jedoch den Bedarf an ExpertInnen, die in der Schnittmenge zwischen Gesundheitswirtschaft und Informatik fungieren werden.

Durch welche Kompetenzen zeichnen sich Frauen in Gesundheitssberufen aus? Worin liegt eventuell der Unterschied zu ihren männlichen Kollegen?
Ich persönlich vertrete nicht die Meinung, dass sich Frauen qua biologischer Zuteilung von Männern unterscheiden, sondern sehe hier vor allem ein Zeichen unserer sozialen und kulturellen Prägung. Grundsätzlich gehe ich davon aus, dass Männer und Frauen dieselben Potentiale haben. Daher fällt mir die Beantwortung dieser Frage nicht ganz leicht. Da Frauen in unserer Gesellschaft jedoch anderen Rahmenbedingungen ausgesetzt sind, sehe ich vor allem durch die Doppelbelastung für Familie und Beruf herausragende Fähigkeiten, wie Organisationstalent, Belastbarkeit, Flexibilität, Kreativität; alles Fähigkeiten, die im Zuge neuer Berufsfelder eine bedeutende Rolle spielen.

Wie hat sich der Markt in der jüngsten Zeit verändert? Welche Tendenzen sehen Sie für die nächsten 5 bis 10 Jahre?
In jüngster Zeit beobachte ich, dass die Themen ‚Demographischer Wandel’ und ‚Lebenslanges Lernen’ bereits Veränderungen in der Gesundheitswirtschaft hervorgerufen haben. Auf der einen Seite werden ältere Menschen verstärkt als KundInnen wahrgenommen, auf der anderen Seite wird deutlich, dass der rasche Wandel dieser Branche nur dann mitgetragen werden kann, wenn sich die Menschen, die dort tätig sind, darauf einlassen und bereit sind, sich immer wieder mit neuen Themen auseinanderzusetzen und sich neues Wissen anzueignen.

Für viele Frauen stellt sich leider immer noch die Frage: Familie oder Karriere? Durch welche Maßnahmen kann Frauen (speziell in dieser Branche) die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben erleichtert werden?
Grundsätzlich sehe ich den Staat in der Position, Rahmenbedingungen für ein familienfreundlicheres Deutschland zu gewährleisten. Das bedeutet vor allem die Unterbringung von Kindern zu ermöglichen und Familienbildung auch finanziell zu fördern. Die Einführung des Familiengeldes und der Ausbau an Kinderbetreuung sind erste Schritte in die richtige Richtung. Ob diese Veränderungen ausreichen, wage ich jedoch zu bezweifeln. Am Beispiel der skandinavischen Länder oder Frankreichs wird jedoch deutlich, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durchaus praktikabel ist. Die staatlichen Rahmenbedingungen sind jedoch nur ein Punkt. In Deutschland herrscht m.E. eine Kultur der Mütterzentrierung, die es Frauen erschwert, Familie und Beruf zu vereinbaren. Unverständnis gegenüber arbeitenden Müttern von Seiten der Vollzeit-Mütter, Freunden und Familie tragen zu einem moralischen Druck bei, dem diese Frauen ausgesetzt sind. Diese Rahmenbedingungen tragen dazu bei, dass die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in unserer Kultur ein schwieriges Thema bleibt oder gar die Entscheidung für eine Familie und für Kinder behindert.
Zu den Rahmenbedingungen in der Gesundheitswirtschaft kann ich zwei Bereiche ansprechen. Zum einen haben viele Berufe in der Gesundheitswirtschaft den Vorteil der Flexibilität. Dies trifft beispielsweise auf Selbständige oder auch Bereiche wie das Vertriebswesen zu. Das Familienfreundlichkeit beispielsweise auch durch technischen Einsatz unterstützt werden kann, möchte ich am Beispiel unserer Weiterbildungsreihe ‚Managementkompetenzen im Gesundheitswesen’ demonstrieren. In einem Zeitraum von fünf Monaten lernen 20 Teilnehmerinnen die Grundlagen für Führungstätigkeiten im Gesundheitswesen. Die Weiterbildungsreihe wendet sich (ausschließlich) an Frauen, die eine Führungsposition4 im Gesundheitswesen anstreben oder diese bereits ausüben. Durchgeführt wird diese Weiterbildung in Form von Blended Learning. Das bedeutet, dass die Teilnehmerinnen ihre Inhalte zu Hause am Computer erarbeiten und sich einmal im Monat zur Reflektion in Präsenzform treffen. Die Teilnehmerinnen haben die Möglichkeit, unabhängig von Zeit und Ort zu lernen. Da spielt es keine Rolle, ob ich Führungskraft bin und aufgrund meiner Arbeitszeiten am liebsten spät nachts lerne oder als Frau in der Elternzeit die Schlafenszeiten meines Kindes zum Lernen nutze. Viele unserer Teilnehmerinnen setzen die Weiterbildung sogar im Urlaub fort und lernen in Internetcafes in Frankreich, Spanien, Finnland etc. Solche Angebote bieten ein Höchstmaß an Flexibilität, orts- und zeitunabhängig zu lernen.
Ich denke, dass der technische Fortschritt nicht nur zum Thema ‚Lebenslanges Lernen’ und Familienfreundlichkeit, sondern auch zum Thema ‚Arbeitsplatz’ und Familienfreundlichkeit beitragen könnte. Andere Branche machen es mit homeoffice-Plätzen bereits vor und erzielen gute Resultate.


Biographiedaten:
Dr. des. Maria Kuhl hat an der Universität Duisburg-Essen Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Erwachsenenbildung und Organisationsentwicklung studiert (Dipl. Päd. 1997). Nach Studienabschluss war Frau Kuhl drei Jahre in Einrichtungen der Erwachsenenbildung tätig, dort hat Sie überwiegend Erwachsenenbildung für den Rehabilitationsbereich entwickelt und koordiniert. Danach wechselte sie zur Universität Dortmund und arbeitete in einem E-Learning-Projekt für Frauen in der Informatik. Sie promovierte mit einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung am Promotionskolleg "Wissensmanagement und Selbstorganisation im Kontext Hochschulischen Lehr- und Lernprozesse". Von 2005 bis Ende 2006 organisierte Frau Kuhl ein Mentoring-Programm für Frauen der Studienabschlussphase an der Universität Dortmund und ist seit 2004 Lehrbeauftragte der Universität Siegen. Ihre Schwerpunkte liegen in den Bereichen: Genderforschung, Führungskräfteentwicklung und Didaktik.
Seit 2007 ist Frau Kuhl im Projekt "Karrierenetzwerk Management im Gesundheitswesen" an der Universität Witten/Herdecke tätig.

Das Interview führte Frau Y. Zivkovic für Wellness Interaktiv.

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